Die "Judennase" in Thomas Manns Erzählwerk
Yahya Elsaghe, Universität Bern
Die vielleicht makaberste aller Spuren, welche die deutsche Zeitgeschichte
in Thomas Manns literarischem Werk hinterlassen hat, besteht in der darin
sehr ungleichen Verteilung der jüdischen Figuren. In keinem einzigen
der nach dem Zweiten Weltkrieg begonnenen Erzähltexte tritt auch nur
eine jüdische Figur auf, während zuvor in ausnahmslos allen Romanen
und in etlichen Erzählungen Jüdinnen und Juden vorkommen. Deren
Darstellung wiederum weist ihrerseits ein ganz asymmetrisches Muster auf,
das ebenfalls die Zeitgeschichte, nämlich die Epochenschwelle des Ersten
Weltkriegs reflektiert. Aus den nach dessen Ende konzipierten Texten,
aus der Josephstetralogie etwa oder aus der Gestalt eines Abel Cornelius
in Unordnung und frühes Leid, spricht Thomas Manns von ihm selber
so genannter 'Philosemitismus' (Bd. 13, S. 459), eine vergleichsweise
sehr hohe Sympathie wenigstens für die assimilierten respektive für die
Juden der Patriarchenzeit.
|
|